Margarita Woloschin
Woloschin, Margarita Wassiljewna
geb.: Sabaschnikowa

Malerin.

*31.01.1882 Moskau (Russland)
†02.11.1973 Stuttgart (Deutschland)













Margarita Woloschin war eine weit über die anthroposophischen Kreise hinaus wirkende Malerin, betätigte sich aber auch als Schriftstellerin. Sie wurde am 31. Januar 1882 als erstes Kind des Großkaufmannes Wassily Michailowitsch Sabaschnikow und seiner Ehefrau Margarita Alexiewna Andrejewa in Moskau geboren. Der Vater stammte aus Sibirien, die Mutter aus einer angesehenen Moskauer Familie. Das Kind wuchs in einer sehr wohlhabenden und kulturell vielfältig interessierten Großfamilie auf. Zwei Brüder des Vaters gründeten einen international bekannten Verlag.

Seit ihren Kinderjahren stand fest, dass Margarita Malerin werden würde. Noch bevor sie die Matura bestand, hatte sie Malunterricht, später bei so berühmten Malern wie Repin, Archipow, Korowin u. a. Margarita wollte aber nicht nur im Malen unterwiesen werden, sie wollte wissen, welche Aufgabe die Malerei, die Kunst überhaupt im Leben der Menschen, in ihrem sozialen Zusammenhang hat. Eine Frage, die sie seitdem nicht mehr losließ und sie damals so tief bewegte, dass sie sich eine Antwort bei dem verehrten Leo Tolstoi holen wollte. Er riet ihr, Bäuerin zu werden, denn wenn sie nur malte, wäre es, „als wenn sie auf einem hohen Turm sitzen und an einem Bindfaden Gegenstände herunterlassen [würde], die man unten gar nicht braucht“ (Woloschin 1954, S. 106). Trotz dieser sie erschütternden Äußerung malte sie weiter und machte große Fortschritte. Als die 21-Jährige zum ersten Mal Bilder auf einer Ausstellung zeigte, wurde sie über Nacht berühmt, bekam Aufträge und Museen kauften ihre Bilder an (z.T. heute noch zu sehen in Moskau, Astrachan, Pensa, Koktebel u. a.).

Die Frage nach der Malerei hatte sich längst zu der noch bedrängenderen nach dem Sinn des Lebens überhaupt erweitert. Eine erste, aber entscheidende Antwort bekam sie, als sie 1905 mit ihrem Bruder Alexej zusammen in Zürich einen Vortrag von Rudolf Steiner hörte. Ihre Frage an Rudolf Steiner lautete: „Wie kann man zu einer Erkenntnis der geistigen Welt kommen in der vollen Beherrschung des Tagesbewusstseins und ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren?“ (Ebd., S. 151f) Wenige Wochen später nahm sie bereits an einem Vortragszyklus in Berlin teil, den Rudolf Steiner für einen kleinen Kreis von Zuhörern hielt.

Ihr weiterer Lebensweg führte sie zunächst nach St. Petersburg, wo sie in den Kreis der russischen Symbolisten unter der Führung von Wjatscheslaw Iwanow geriet. Dort lernte sie den Dichter und Maler Maximilian Woloschin näher kennen, den sie 1906 heiratete.

In den folgenden Jahren begleitete sie Rudolf Steiner auf vielen Vortragsreisen und wuchs immer mehr in die Rolle einer Vermittlerin zwischen Anthroposophie und Russentum hinein. Sie dolmetschte, übersetzte (u. a. die „Die Geheimwissenschaft im Umriss“), lieferte mündliche und schriftliche Berichte bei ihren Moskauer Freunden ab und wirkte bei der Begründung der russischen Anthroposophischen Gesellschaft am 20. September 1913 mit.

In demselben Jahr hatte sie bei den Mysteriendramen in München als Eurythmistin zum ersten Mal auf der Bühne gestanden – sie gehörte zu den ersten Schülerinnen von Lory Maier-Smits. Als 1914 in Dornach der Bau des ersten Goetheanum begann, war Margarita Woloschin zunächst als Schnitzerin tätig, bis Rudolf Steiner ihr auftrug, zwei von den sieben Motiven in der kleinen Kuppel – den „Ägypter“ und den „Slawischen Menschen“ – zu malen. Hier erlebte sie eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Kunst.

Nach der vorläufigen Beendigung ihrer Arbeit fuhr sie – wie sie annahm, nur für kurze Zeit – nach Moskau und geriet dort in die Wirren der Revolution. In der ersten Zeit war es ihr noch möglich, Malkurse für Arbeiter zu geben, auch die anthroposophische Arbeit wurde trotz widrigster Umstände weitergeführt, aber allmählich nahmen ihr der tägliche Terror, das Chaos, der Kampf gegen Hunger, Kälte und Krankheit alle Möglichkeiten, etwas Sinnvolles zu tun. Nach fünfeinhalb Schreckensjahren bekam sie aufgrund einer Lungenkrankheit die Genehmigung auszureisen.

Sie fand – nach kurzen Zwischenaufenthalten in Holland und in der Schweiz – zunächst eine Bleibe bei ihrer Freundin Lory Maier-Smits in Einsingen bei Ulm, bis sie sich 1924 endgültig in Stuttgart niederließ. In den bescheidensten Verhältnissen – meist nur in einem Zimmer lebend – malte sie ihre großformatigen Bilder. Sie schuf nahezu alle Altarbilder für die neu entstehenden Gemeinden der sich ausbreitenden Christengemeinschaft. Die Stuttgarter Seminare luden sie ein, vom ersten Goetheanum und von Rudolf Steiner zu erzählen; sie gab Malkurse, leitete anthroposophische Gesprächsgruppen und schrieb Aufsätze. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie hauptsächlich durch Porträtmalerei; im Übrigen widmete sie sich gern Märchen- und Legendenmotiven, ihre Hauptwerke aber behandelten religiöse Themen, in oft ungewohnter, ganz originaler Auffassung. Ihr Suchen galt bis ans Lebensende einer christlichen Malerei. Rudolf Steiner hatte ihr gegenüber einmal geäußert: „Christus müsse heute auf allen Gebieten gesucht werden, auch in der Malerei!“ (Nach Wermbter 1982, S. 54) Das verstand sie nicht so, dass es die inhaltlichen Themen der Malerei betraf, sondern es sollten die Farben selbst verwandelt, die Kompositionen so bewegt werden, dass sie die Sphäre des Lebendigen berührten.

Ihr Leben war in jeder Phase überreich an Menschenbegegnungen. Bis ins höchste Alter suchte man ihren Rat, ihr Urteil, ihre Anteilnahme und Liebe. Man fragte nach ihren Erfahrungen und Erinnerungen, hatte sie doch alle Epochen der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft miterlebt und wusste, dank einem phänomenalen Gedächtnis, Personen und Begebenheiten wieder lebendig werden zu lassen. Ihre Autobiografie „Die grüne Schlange“ legt Zeugnis davon ab.

Zu ihrem 90. Geburtstag schrieb Ernst Weißert: „Margarita Woloschin [...] lebt unter uns bei aller Vertrautheit letzthin rätselhaft wie ein geheimer Botschafter von der Vergangenheit und Zukunft Russlands, von der mitteleuropäischen Esoterik, vom strahlend erstandenen, der Erde so bald entrissenen Goetheanum, von dem weit in die Zukunft greifenden Kunstimpuls Rudolf Steiners.“ (Weißert 1972, S. 80)

Rosemarie Wermbter


Werke: Werkverzeichnis der Bilder 1982 (278 Titel); Text, Figuren, Kulissen
zum Handpuppenspiel: Das Märchen von der grünen Schlange nach Goethe,
ca. 1943/44, Text nicht veröffentlicht, Figuren weiterverwendet von Elisabeth
Schöneborn-Stocker; Seraphim von Sarow, 1912, deutsch: Der heilige
Seraphim, in: Der letzte Heilige, Stuttgart 1994; als Übersetzerin ins
Russische: Schriften und Traktate von Meister Eckehardt, 1912; Und das
Licht schien in die Finsternis, Stuttgart 1932; Die grüne Schlange, Stuttgart
1954,(7 )1997; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische und
Russische erschienen; Beiträge in BfA, CH, DD. EK, G, JA, MaD.
Der schriftliche und ein Teil des künstlerischen Nachlasses befindet sich bei
Rosemarie Wermbter, Stuttgart.
Literatur: Wistinghausen, K. v.: Von neuer religiöser Kunst, in: CH 1932/33,
Nr. 7; Clason, L.: Einige Erinnerungen an die Jahre der Malerei der kleinen
Kuppel des ersten Goetheanum-Baues, in: MfM 1950, Nr. 6; Weißert, E.:
Margarita Woloschin zum 90. Geburtstag, in: MaD 1972, Nr. 99; von
Wistinghausen, K.: Margarita Sabaschnikow-Woloschin, in: CH 1973, Nr. 12;
Reuschle, F. M.: Zum Tode von Margarita Woloschin, in: DD 1973, Nr. 12;
Wermbter, R.: Margarita Woloschin, in: N 1974, Nr. 7, auch in: MaD 1974,
Nr. 107; Meyer, R.: Margarita Woloschin zum Gedächtnis, in: CH 1974, Nr. 4;
Wistinghausen, K. v.: Margarita Woloschin, in: CH 1980, Nr. 1 und 1982, Nr.
5; Wermbter, R. u. a.: Margarita Woloschin. Leben und Werk, Stuttgart
1982; Rapp, D.: Margarita Woloschin, in: DD 1982, Nr. 3; Wolf, W.:
Erinnerungen an Margarita Woloschin, in: MaD 1985, Nr. 151; Schöffler 1987;
Barnes, H.: Margarita Woloschin, in: Reminescences of Rudolf Steiner,
Ghent 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Kurtz, M.: Margarita Woloschin. Auf
der Suche nach ihren Bildern in Russland, in: G 1991, Nr. 42; ders.:
Margarita Woloschin, in: MaD 1992, Nr. 179; Büttner, G.: Margarita und
Maximilian Woloschin, in: G 2000, Nr. 49.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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