Walther Roggenkamp
Roggenkamp, Walther

Maler, Grafiker, Bühnenbildner.

*18.09.1926 Ulm (Deutschland)
†09.07.1995 Ruchenschwand bei Dachsberg (Deutschland)









Es gibt wohl keinen sich der Anthroposophie verpflichtet fühlenden Künstler, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das in der deutschen Öffentlichkeit vorhandene Bild „anthroposophischer“ Kunst und Gestaltung stärker geprägt hat, als Walther Roggenkamp. Seine Gestaltungskraft durchdrang alle Bereiche öffentlichen Wirkens und konnte wohl von jedem Menschen, der in dieser Zeit in Deutschland lebte, wahrgenommen werden. Seine Person hingegen trat bescheiden hinter seinem Werk zurück und verursachte weder emotionale Auseinandersetzungen noch wetteiferndes Streben um Aufträge.

Walther Roggenkamps Lebensweg verlief im Stillen. Schon seine Jugend, die ja die Kriegszeit einschloss, erlebte er „wie in einer geschlossenen Hülle“, die ihn vor furchtbaren Schrecknissen bewahrte. Nach dem Kriegsdienst, den er bei der Marine zu erfüllen hatte und kurzer englischer Kriegsgefangenschaft, wurde er nach Köngen bei Stuttgart entlassen, wo seine Familie damals lebte. Da die Kunstakademie in Stuttgart noch zerstört war, bildete er sein malerisches Talent zunächst bei Julius Hebing weiter aus, der ihn mit Goethes Farbenlehre befreundete. Vorübergehend gründete Roggenkamp eine gutgehende Werbeagentur, ein Vorausleuchten seiner späteren Fähigkeiten. Trotz des großen Erfolgs dieser Unternehmung empfand er sich doch noch als sehr unfertig und wollte sich wieder seiner künstlerischen Ausbildung widmen.

Durch sein Interesse an der Anthroposophie, die er durch die Familie von Emil Kühn kennen lernte, ergriff er die Gelegenheit, in Dornach während der Faust-Aufführungen als Bühnenhelfer zu arbeiten, und dieser Entschluss wurde lebensbestimmend. Denn dadurch lernte er den Kunstimpuls Rudolf Steiners noch in seinen letzten direkten Nachwirkungen kennen, mitsamt den Menschen, die ihn vertraten. Aus ihnen wählte er sich Henni Geck als seine Lehrerin, konnte aber das Studium bei ihr, wegen ihres plötzlichen Todes nicht vollenden. Nach vielfältigen Studien und Aufträgen fand er schließlich den Weg zur „Weleda“, der Heilmittelfirma, der er bis zu seinem Tode verbunden blieb. Seine große graphische Begabung verhalf der „Weleda“ allmählich zu einem ganz charakteristischen Auftritt. Von der Gestaltung der Schrift über die Gestaltung der Produkte, der Weleda-Nachrichten, des Weleda-Kalenders bis hin zur Ausmalung des Treppenhauses der Firma selbst, identifizierte sich die „Weleda“ mit Roggenkamp und umgekehrt.

Neben dieser lebenslangen Verbundenheit traten die vielfältigsten Anforderungen an ihn heran: Zum einen wurde er aufgefordert, Bücher zu illustrieren und zu gestalten, was schließlich in der überaus schönen Ausgabe von Goethes Faust gipfelte; zum anderen wurde er beauftragt, in Dornach die Bühnenbilder für die Faust-Aufführungen und für den Zyklus der Mysteriendramen Rudolf Steiners herzustellen. Dadurch wurde sein Schaffensschwerpunkt von Güldenholm in Schleswig-Holstein, wo er 1970 ein altes Bauernhaus erwerben konnte, mehr nach Süden verlegt, was schließlich zum Umzug nach Ruchenschwand im Südschwarzwald führte. Wieder baute er dort ein altes Bauernhaus zu einer Art Kulturzentrum aus, das weithin ausstrahlte. Dort lebte er mit seiner zweiten Frau, der Koreanerin Koo-ji Chang, intensiv künstlerisch tätig bis zu seinem Tode. Als dieser absehbar war, bat er nach und nach nochmals alle seine Freunde zu sich, um sich bewusst von ihnen zu verabschieden.

Schauen wir auf dieses reiche Leben zurück, so zeigen sich einige für Walther Roggenkamp typische Signaturen: Sein ganzer Lebensweg wird von Menschen bestimmt, die ihn durch die Begegnung zu einem jeweils neuen „Thema“ anregten, das ihn dann weiter begleitete. So hat ihn Julius Hebing mit Goethes Farbenlehre vertraut gemacht, Henni Geck mit Rudolf Steiners malerischem Impuls; Willem Westbroek half ihm, seine Inspirationen bei der Gestaltung farbiger Glasfenster zu finden und Hildegard Osten entband in ihm die Fülle der Entwürfe für herrliche Tapisserien; Wilhelm Pelikan gab ihm die Lebensaufgabe, sich mit Pflanzen und deren Umwelt so zu beschäftigen, dass dieser Zusammenhang schließlich in einem Bild anschaubar wird. Das führte zu hunderten von Pflanzenstudien, die er bis zu seinem Lebensende weiterführte. Dadurch ist ein großartiges Corpus vertiefter Pflanzenbilder entstanden, die großenteils von der „Weleda“ erworben und dort gesammelt worden sind. Sein Freund Heten Wilkens veranlasste wohl die Fülle der Illustrationen zu Goethes Faust, die schließlich in die monumentale Buchausgabe aufgenommen wurden. Der Auftrag Michael Blumes, die Bühnenbilder in Dornach zu gestalten, wurde erst kurz vor Roggenkamps Tod abgeschlossen. Hildegard Gerbert regte ihn an, sich mit Rudolf Steiners graphischem Impuls zu beschäftigen, was schließlich zu den charakteristischen Zeichen führte, unter welchen viele anthroposophische Einrichtungen firmieren. Jede menschliche Begegnung hat in Roggenkamp schöpferische Kräfte freigesetzt und sein Wirkungsfeld erweitert.

Seine Wirkung nach außen wäre aber ohne eine lebenslange innerliche Vertiefung nicht möglich gewesen. Der fast tägliche meditative Umgang mit der Pflanzenwelt zeigt das wohl am schönsten. Das Eindringen in die Sphäre des Lebendigen, mit dem Erleben des Umkreises, des Kosmos und aller seiner Elementarwesen ist Walther Roggenkamp wirkliche Erfahrung geworden. Seine Künstlernatur hat davon in dichterischer Form zu seinen Freunden gesprochen. Es ist die andere Seite, die zu seiner ästhetischen Gestaltung der Welt, zu seinem vornehmen Auftreten und zu seinem Interesse an allem Geistigen die Waage bildet.

Was er in dieser Sphäre erlebte, fand er wieder in der Gestaltung äthiopischer Kreuze. Vielleicht ist das der Grund, der ihn bewegte, sich davon eine umfangreiche Sammlung anzulegen, die er bis zuletzt studierte und verehrend bewunderte. Die Flechtbänder der Kreuze schienen ihm ein treffender Ausdruck desjenigen Wesens zu sein, in dessen Dienst er sich empfand und dessen Wirksamkeit er in unserer Kultur erlebbar machen wollte.

Frank Teichmann


Werke: Bildteppiche zum Traumlied von Olaf Åsteson, Stuttgart 1969; mit
Osten, H.: Bildteppiche „Salus per naturam“ u.a., Stuttgart 1974; mit Gerbert,
H.: Bewegung und Form in der Graphik Rudolf Steiners, Stuttgart 1979;
mit Wilkens, H.: Lebensschrift. Bildwege. Weisheit des Lebensverlaufs,
Stuttgart 1983; Gestaltung von: Steiner, R.: Das Goetheanum als
Gesamtkunstwerk, Dornach 1986; mit Osten, H. u.a.: Das Tobias-Tryptichon,
Stuttgart 1986; Bildteppiche, Zeichnungen, Illustrationen, o. O. 1987; mit
Osten, H.: Fünf Bildteppiche: Das Märchen vom Quellenwunder, Dornach 1988;
Heilpflanzen, Kunstmappe, Rüttihubelbad 1995; Beiträge in Sammelwerken;
Illustrationen in zahlreichen Werken anderer Autoren; Beiträge in EK, G, Stl,
WNA.
Literatur: Hoffmann, K.: Rudolf Steiner – Walther Roggenkamp, in: Stl
1990/91, Nr. 3; Walker, M., Stawicki, U.: Das Was bedenke, Blume, M.:
Walther Roggenkamp und die Goetheanum-Bühne, Lindholm, D.: In
Erinnerung an Walther Roggenkamp, in: WNS 1995, Nr. 200; Barkhoff, M.:
Walther Roggenkamp ist tot, in: G 1995/96, Nr. 14/15; Thiersch, T.:
Walther Roggenkamp, in: N 1995/96, Nr. 16/17; Wagner-Nigrin, R.: Walther
Roggenkamp, in: N 1995/96, Nr. 24; Blume, M.: Walther Roggenkamp, in:
RRM 1996, Nr. 26; Udo de Haes, D.: Walther Roggenkamp, in: MAVN 1968,
Nr. 6; Reither, B.: Walther Roggenkamp, o. A.




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